Nachdenkliche Gagen

Gespart wird an uns. Teil 3: Zwei Drehtage im Monat

Gespart wird an uns · Teil 3

Zwei Drehtage im Monat

2024 zählte die Statistik in Deutschland im Schnitt 5.505 tägliche Schauspielbeschäftigungen. Das ist der tiefste Stand, der je gemessen wurde, und 11,21 Prozent weniger als in normalen Zeiten. Zwischenzeitlich waren es noch 6.665, im Jahr 2023 dann 5.825. Für 2025 deuten die Rückmeldungen der Mitglieder des Schauspielerverbands und des Verbands der Agenturen auf noch weniger Arbeit hin.

Die Zahlen stammen aus der gemeinsamen Pressemitteilung des Schauspielerverbands und des Verbands der Agenturen vom 5. September 2025. Eine verantwortliche Person beim Schauspielerverband nennt als wichtigste Ursache den Produktionsrückgang bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, die die größten Auftraggeber der Filmbranche sind. Die Agenturen berichten, dass der Rückgang der Angebote ihren Künstlerinnen und Künstlern auch seelisch schwer zusetzt.

Was zwei Drehtage im Monat bedeuten

Viele Kolleginnen und Kollegen haben über Jahre von zwei bis drei Drehtagen im Monat gelebt. Episodenrollen, Tagesrollen, wiederkehrende Figuren in Serien. Davon lebte man bescheiden und verlässlich. Es war ein Fundament, auf dem man eine Wohnung mieten, Kinder großziehen und einen Haushalt führen konnte.

Ein Teil dieser Drehtage existiert weiter. Er geht heute an Kleindarsteller, Komparsen und Community Player (ehemals bezeichnet als Kleindarsteller, Komparsen), zu einem Bruchteil der Gage (siehe Teil 1). Für den Sender und die Produktion ist das eine Einsparung im Budget. Für einen Schauspielerhaushalt heißt es: Die Miete bleibt, die Kinder bleiben, die Versicherungen bleiben, und das Einkommen fällt weg.

In meinem Umfeld kenne ich Ehen und Familien, die an diesem Druck zerbrochen sind. Ihre Geschichten werde ich hier erzählen, sobald die Betroffenen zugestimmt haben.

Die Programme laufen weiter

Während die Drehtage verschwinden, laufen die alten Produktionen weiter. Als Wiederholung, in den Mediatheken, auf Spartenkanälen, im Pay-TV, auf Streamingplattformen und über Lizenzen ins Ausland. Diese Auswertung bringt Sendern und Produktionen fortlaufend Erträge. Die Menschen, die diese Programme gemacht haben, verlieren gleichzeitig ihre laufende Arbeit.

Für genau diese Lage gibt es § 32a des Urheberrechtsgesetzes. Steht die gezahlte Vergütung in einem auffälligen Missverhältnis zu den Erträgen aus der Verwertung, haben Mitwirkende Anspruch auf eine weitere Beteiligung. Auf diesen Anspruch kann im Voraus niemand verzichten.

Die Ausrede mit dem Geld

Die Sender begründen den Produktionsrückgang mit ihrer Finanzlage. Die Produktionen begründen die niedrigen Gagen mit den Budgets der Sender. Mit derselben Finanzlage lässt sich die Beteiligung an Erträgen, die längst erwirtschaftet sind, nicht verweigern. Dieses Geld ist da. Es stammt aus unserer Arbeit.

Was ich fordere

Sprechrollen werden nach dem Schauspieltarif bezahlt, ohne Umweg über die kleine Rolle oder den Community Player (ehemals bezeichnet als Kleindarsteller, Komparsen). Oberhalb der Einstiegsgage gibt es verbindliche, kollektivvertraglich vereinbarte Gagen. Die Sender setzen sich als Auftraggeber mit an den Tariftisch und übernehmen die Verantwortung, die sie heute an die Produktionsfirmen abschieben. Und wer mit unseren Darbietungen über Jahrzehnte Geld verdient, beteiligt uns daran, ohne dass jeder Einzelne dafür kämpfen muss.

Quellen

Schauspielerverband und Verband der Agenturen für Film, Fernsehen und Theater, Pressemitteilung „Dramatischer Rückgang von Schauspielbeschäftigungen“, 5. September 2025, Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: casting-network.de (PDF)

Urheberrechtsgesetz, § 32a Weitere Beteiligung des Urhebers: gesetze-im-internet.de

Gespart wird an uns. Teil 2: Die Liste, die niemand einklagen kann

Gespart wird an uns · Teil 2

Die Liste, die niemand einklagen kann

Für Schauspieler gibt es eine tarifliche Einstiegsgage. Darüber gibt es nichts Verbindliches. Was ein Schauspieler im deutschen Fernsehen oberhalb dieser Untergrenze verdient, legen die Sender fest, und die Produktionsfirmen setzen es um.

Der Schauspielerverband hat diese Struktur in einem Grundsatztext offengelegt. Die Gagenliste des ZDF wurde nie mit einer Gewerkschaft kollektivvertraglich vereinbart. Für Schauspieler ist sie deshalb rechtlich nicht durchsetzbar. Der Verband fasst das in einem Satz zusammen: Der Herr gibt, und der Herr nimmt.

Die Sender sitzen nicht am Tisch

Tarifverträge in Film und Fernsehen schließen die Gewerkschaften mit den Produktionsfirmen ab. Die Sender, die diese Firmen beauftragen und bezahlen, unterschreiben nicht mit. Sie bestimmen über Budgets und Aufträge, wie viel Geld für Besetzung da ist, und sind an keine tarifliche Zusage gebunden.

Die Produktionsfirmen geben diesen Druck weiter. Sie müssen mit dem Budget auskommen, das der Sender bewilligt. Gespart wird dort, wo sich niemand wehren kann: bei den Drehtagen der Darsteller und bei der Frage, ob eine Rolle mit Text noch als Schauspielrolle gilt (siehe Teil 1). So entsteht ein System, in dem der Sender verantwortlich ist und die Produktion es ausführt, und am Ende niemand haftet.

Was die Vergütungsregeln vom Oktober 2025 an der Gage ändern, steht in Wer die Gagen macht, Teil 2.

An die Hand nehmen

Viele Community Player (ehemals bezeichnet als Kleindarsteller, Komparsen) bitten mich mittlerweile, sie an die Hand zu nehmen: Sprachtraining, Bewältigung von Lampenfieber, Atmen, Achtsamkeit. Natürlich macht es Spaß, mein Wissen weiterzugeben. Und ich muss oftmals Nein sagen, weil ich Talentlosigkeit, wenn ich sie spüre, selbst auch nicht auf dem Bildschirm sehen möchte. Oder wo auch sonst in diesem wunderbaren Beruf, der meiner Meinung nach immer noch ein Ausbildungsberuf ist. Mit wenigen Ausnahmen: Geniestreiche, die als sogenannte Quereinsteiger Karriere machen. Wunderbar, ich bewundere sie. Ich liebe euch.

Was dieses System für Menschen bedeutet, wenn zusätzlich die Zahl der Drehtage einbricht, steht in Teil 3.

Quellen

Schauspielerverband, Grundsatztext „Das Gagen-Dilemma mit den Öffentlich-Rechtlichen“, 27. Mai 2025.

Schauspielerverband, ZDF und Produktionsallianz, Gemeinsame Vergütungsregeln Schauspiel, 31. Oktober 2025, Ziffer 1.2.

Gespart wird an uns. Teil 1: Die kleine Rolle

Gespart wird an uns · Teil 1

Die kleine Rolle

Ich stehe seit rund vierzig Jahren vor der Kamera und auf der Bühne. In dieser Zeit habe ich miterlebt, wie deutsche Fernsehsender und ihre Produktionsfirmen Rollen mit Text so lange kleinrechnen, bis sie weniger kosten als ein Schauspieler. Das schreibe ich unter meinem Namen, Markus Majowski, und dazu stehe ich.

Das Werkzeug dafür heißt „kleine Rolle“. Wer eine Rolle mit Text spielt, wird nach Tarif als Schauspieler bezahlt. Gilt die Rolle als klein, wird sie dem Bereich der Kleindarsteller zugeordnet. Für diesen Bereich sah der Tarifvertrag für Kleindarsteller von 2013 zwischen 96 und 250 Euro pro Drehtag vor. Diese Sätze waren für Mitwirkende ohne Schauspielausbildung gedacht.

Wo die Grenze verläuft, legt derselbe Tarifvertrag fest: Eine Rolle gilt als klein, wenn kein längerer Wort- oder Reaktionswechsel vorgesehen ist. Es genügt also, eine Szene so zu schreiben, dass der Dialog kurz bleibt. Schon wird aus einer Rolle für einen Schauspieler eine Rolle für einen Komparsen, und sie wird dementsprechend bezahlt.

Das Muster stammt vom ZDF

In den Fußnoten dieses Tarifvertrags steht, woher die Kategorie kommt. Eine der Kleindarstellerkategorien entspricht ausdrücklich dem Begriff der „kleinen Rolle“, wie ihn das ZDF bei seinen Produktionen verwendet hat. Ein beitragsfinanzierter Sender hat das Muster geliefert, nach dem heute in der ganzen Branche Sprechrollen aus dem Schauspieltarif herausgelöst werden.

Am Set hat das inzwischen einen neuen Namen. Bei Dreharbeiten mit Komparsen in Dresden wurde mir gesagt, man spreche heute von „Community Playern“ (ehemals bezeichnet als Kleindarsteller, Komparsen). Ein freundliches Wort für Menschen, die Szenen spielen und dafür einen Bruchteil einer Schauspielgage bekommen.

Ausgebildete Schauspieler zum Komparsentarif

Angeboten werden diese Konditionen längst ausgebildeten und erfahrenen Schauspielerinnen und Schauspielern. Der Schauspielerverband hat 2024 Fälle juristisch prüfen lassen, in denen Kolleginnen und Kollegen für Rollen mit Text Komparserievergütungen angeboten wurden. Der Anlass war eine Produktion für Sat.1. Eine verantwortliche Person beim Schauspielerverband sprach von einem „Dammbruch“ und stellte klar, dass eine sogenannte Sondergage schlicht eine besonders niedrige Gage ist.

Die meisten Betroffenen schweigen. Eine Recherche von Übermedien aus dem Jahr 2024 nennt den Grund im Titel: Wer aufmuckt, wird nicht mehr besetzt.

Die Mütter merken es zuerst

Unsere Mütter sagen es uns seit Jahren, Kolleginnen und Kollegen aus meinem Umfeld hören immer wieder dasselbe: Im Fernsehen wird kaum noch ein Wort deutlich ausgesprochen. Die nuscheln alle so, und vieles wirkt wie schlecht auswendig gelernt und „als ob“. Sind das überhaupt Schauspieler? Wir antworten dann: Nein, oft sind das keine Schauspieler.

Die Mutter einer Kollegin hat das einmal so beschrieben. Wenn beim Bäcker jemand hereinkommt und sagt, er möchte Brötchen backen, weil er zu Hause schon einmal Aufbackbrötchen gemacht hat, lässt ihn der Bäcker nicht in die Backstube. Das wäre unverantwortlich. Der Bäckermeister hat eine Verantwortung gegenüber seinen Kunden.

„Die öffentlich-rechtlichen Angebote haben der Kultur, Bildung, Information und Beratung zu dienen.“

Medienstaatsvertrag, § 26 Abs. 1

Bildung setzt allerdings voraus, dass man versteht, was gesagt wird. Wer sich vor dem Fernseher verschaukelt fühlt, schaltet ab. Und vor einem ausgeschalteten Fernseher hat sich noch niemand gebildet. Diese Verantwortung haben die Sender abgelehnt. Ich mucke auf. Wie die Sender ihre Gagen festlegen, steht in Teil 2.

Quellen

Medienstaatsvertrag, § 26 Abs. 1 Satz 8, in der Fassung des Reformstaatsvertrags, gültig seit 1. Dezember 2025: revosax.sachsen.de

Tarifvertrag für Kleindarsteller, ver.di und Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen, 2013, Ziffer 1.2 und Fußnote 4 zur „kleinen Rolle“ bei ZDF-Produktionen: produktionsallianz.de

Übermedien, „Wer aufmuckt, wird nicht mehr besetzt“, 19. März 2024: uebermedien.de

Begriff „Community Player“ (ehemals bezeichnet als Kleindarsteller, Komparsen): eigene Erfahrung des Autors bei Dreharbeiten in Dresden.