Gespart wird an uns. Teil 1: Die kleine Rolle

Ich stehe seit rund vierzig Jahren vor der Kamera und auf der Bühne. In dieser Zeit habe ich zugesehen, wie die deutschen Fernsehsender und ihre Produktionsfirmen Rollen mit Text so lange kleinrechnen, bis sie billiger sind als ein Schauspieler. Ich schreibe das unter meinem Namen, und ich stehe dafür ein.

Das Werkzeug dafür heißt „kleine Rolle“. Wer eine Rolle mit Text spielt, wird nach Tarif als Schauspieler bezahlt. Gilt die Rolle als klein, fällt sie in den Kleindarstellerbereich. Dann sah der Tarifvertrag für Kleindarsteller 2013 zwischen 96 und 250 Euro pro Drehtag vor, Sätze für Mitwirkende ohne Ausbildung.

Die Grenze zieht der Tarifvertrag für Kleindarsteller. Kleindarstellung liegt vor, wenn kein längerer Wort- oder Reaktionswechsel vorgesehen ist. Es reicht also, eine Szene so zu schreiben oder zu schneiden, dass der Dialog kurz bleibt. Schon ist aus einer Schauspielleistung Komparserie geworden.

Das Muster stammt vom ZDF

In den Fußnoten dieses Tarifvertrags steht, woher die Kategorie kommt. Eine der Kleindarstellerkategorien entspricht ausdrücklich dem Begriff der „kleinen Rolle“, wie ihn das ZDF bei seinen Produktionen verwendet hat. Ein beitragsfinanzierter Sender hat das Muster geliefert, nach dem heute in der ganzen Branche Sprechrollen aus dem Schauspieltarif herausgelöst werden.

Am Set hat das inzwischen einen neuen Namen. Bei Dreharbeiten mit Komparsen in Dresden wurde mir gesagt, man spreche heute von „Community Playern“ (ehemals bezeichnet als Kleindarsteller, Komparsen). Ein freundliches Wort für Menschen, die Szenen spielen und dafür einen Bruchteil einer Schauspielgage bekommen.

Ausgebildete Schauspieler zum Komparsentarif

Angeboten werden diese Konditionen längst ausgebildeten und erfahrenen Schauspielerinnen und Schauspielern. Der Schauspielerverband hat 2024 Fälle juristisch prüfen lassen, in denen Kolleginnen und Kollegen für Rollen mit Text Komparserievergütungen angeboten wurden. Der Anlass war eine Produktion für Sat.1. Eine verantwortliche Person beim Schauspielerverband sprach von einem „Dammbruch“ und stellte klar, dass eine sogenannte Sondergage schlicht eine besonders niedrige Gage ist.

Die meisten Betroffenen schweigen. Eine Recherche von Übermedien aus dem Jahr 2024 nennt den Grund im Titel: Wer aufmuckt, wird nicht mehr besetzt.

Die Mütter merken es zuerst

Unsere Mütter sagen es uns seit Jahren, und Kolleginnen und Kollegen aus meinem Umfeld hören dasselbe von ihren Eltern: Man versteht im Fernsehen kein Wort mehr. Die nuscheln alle so. Und die tun immer so, als ob. Sind das überhaupt Schauspieler? Wir antworten dann: Nein, oft sind das keine Schauspieler.

Die Mutter einer Kollegin hat das einmal so beschrieben. Wenn beim Bäcker jemand hereinkommt und sagt, er möchte Brötchen backen, weil er zu Hause schon einmal Aufbackbrötchen gemacht hat, lässt ihn der Bäcker nicht in die Backstube. Das wäre unverantwortlich. Der Bäckermeister hat eine Verantwortung gegenüber seinen Kunden.

Diese Verantwortung haben die Sender abgelehnt. Ich mucke auf. Wie die Sender ihre Gagen festlegen, steht in Teil 2.

Quellen

Tarifvertrag für Kleindarsteller, ver.di und Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen, 2013, Ziffer 1.2 und Fußnote 4 zur „kleinen Rolle“ bei ZDF-Produktionen: produktionsallianz.de

Übermedien, „Wer aufmuckt, wird nicht mehr besetzt“, 19. März 2024: uebermedien.de

Begriff „Community Player“ (ehemals bezeichnet als Kleindarsteller, Komparsen): eigene Erfahrung des Autors bei Dreharbeiten in Dresden.

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Autor: Markus ist Flourish

Founder

3 Gedanken zu „Gespart wird an uns. Teil 1: Die kleine Rolle“

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