Wer die Gagen macht. Teil 2: Wer am Verhandlungstisch fehlt

Wer die Gagen macht · Teil 2

Wer am Verhandlungstisch fehlt

Für Schauspieler gibt es eine tarifliche Einstiegsgage. Oberhalb dieser Untergrenze gibt es keine verbindlichen Drehtagsgagen. Was ein Schauspieler im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darüber hinaus verdient, regeln die Gagenlisten der Sender.

Der Schauspielerverband hat diese Struktur in einem Grundsatztext analysiert. Die Gagenliste des ZDF wurde demnach nie mit einer Gewerkschaft kollektivvertraglich vereinbart. Sie ist deshalb für die Darstellerseite rechtlich nicht durchsetzbar. Der Verband fasst das mit dem Satz zusammen: Der Herr gibt, und der Herr nimmt.

Tarifverträge in der Film- und Fernsehbranche schließen die Gewerkschaften mit den Produktionsunternehmen. Diese Firmen produzieren im Auftrag der Sender und hängen wirtschaftlich von ihnen ab. Die Sender selbst sind als eigentliche Auftraggeber an diesen Verträgen nicht beteiligt.

Das ZDF bestimmt damit über Auftragsvolumen und Budgets den Rahmen, in dem besetzt und bezahlt wird. An die tariflichen Vereinbarungen darüber ist es selbst nicht gebunden. Seine Gagenstruktur konnte der Sender so über Jahrzehnte einseitig festlegen.

Die Vergütungsregeln von 2025

Ende Oktober 2025 haben der Schauspielerverband, die Produktionsallianz und das ZDF erstmals Gemeinsame Vergütungsregeln für Schauspielerinnen und Schauspieler vereinbart. Sie regeln die Beteiligung an Erlösen aus der kommerziellen Verwertung, etwa wenn eine Produktion wiederholt, lizenziert oder online angeboten wird.

Zur Gage selbst halten die Regeln ausdrücklich fest, dass ihre Höhe weiterhin individuell nach der bisherigen Praxis vereinbart wird. Die Gagenliste bleibt also, was sie war: eine Vorgabe des Senders ohne Verbindlichkeit für die Schauspieler. Am Niveau der Tagesgagen ändert das Abkommen wenig.

Was geschieht, wenn bei diesem Gagensystem zusätzlich die Zahl der Produktionen sinkt, zeigt Teil 3.

Quellen

Schauspielerverband, Grundsatztext „Das Gagen-Dilemma mit den Öffentlich-Rechtlichen“, 27. Mai 2025.

Schauspielerverband, ZDF und Produktionsallianz, Gemeinsame Vergütungsregeln Schauspiel, 31. Oktober 2025, Ziffer 1.2.

Gespart wird an uns. Teil 2: Die Liste, die niemand einklagen kann

Gespart wird an uns · Teil 2

Die Liste, die niemand einklagen kann

Für Schauspieler gibt es eine tarifliche Einstiegsgage. Darüber gibt es nichts Verbindliches. Was ein Schauspieler im deutschen Fernsehen oberhalb dieser Untergrenze verdient, legen die Sender fest, und die Produktionsfirmen setzen es um.

Der Schauspielerverband hat diese Struktur in einem Grundsatztext offengelegt. Die Gagenliste des ZDF wurde nie mit einer Gewerkschaft kollektivvertraglich vereinbart. Für Schauspieler ist sie deshalb rechtlich nicht durchsetzbar. Der Verband fasst das in einem Satz zusammen: Der Herr gibt, und der Herr nimmt.

Die Sender sitzen nicht am Tisch

Tarifverträge in Film und Fernsehen schließen die Gewerkschaften mit den Produktionsfirmen ab. Die Sender, die diese Firmen beauftragen und bezahlen, unterschreiben nicht mit. Sie bestimmen über Budgets und Aufträge, wie viel Geld für Besetzung da ist, und sind an keine tarifliche Zusage gebunden.

Die Produktionsfirmen geben diesen Druck weiter. Sie müssen mit dem Budget auskommen, das der Sender bewilligt. Gespart wird dort, wo sich niemand wehren kann: bei den Drehtagen der Darsteller und bei der Frage, ob eine Rolle mit Text noch als Schauspielrolle gilt (siehe Teil 1). So entsteht ein System, in dem der Sender verantwortlich ist und die Produktion es ausführt, und am Ende niemand haftet.

Was die Vergütungsregeln vom Oktober 2025 an der Gage ändern, steht in Wer die Gagen macht, Teil 2.

An die Hand nehmen

Viele Community Player (ehemals bezeichnet als Kleindarsteller, Komparsen) bitten mich mittlerweile, sie an die Hand zu nehmen: Sprachtraining, Bewältigung von Lampenfieber, Atmen, Achtsamkeit. Natürlich macht es Spaß, mein Wissen weiterzugeben. Und ich muss oftmals Nein sagen, weil ich Talentlosigkeit, wenn ich sie spüre, selbst auch nicht auf dem Bildschirm sehen möchte. Oder wo auch sonst in diesem wunderbaren Beruf, der meiner Meinung nach immer noch ein Ausbildungsberuf ist. Mit wenigen Ausnahmen: Geniestreiche, die als sogenannte Quereinsteiger Karriere machen. Wunderbar, ich bewundere sie. Ich liebe euch.

Was dieses System für Menschen bedeutet, wenn zusätzlich die Zahl der Drehtage einbricht, steht in Teil 3.

Quellen

Schauspielerverband, Grundsatztext „Das Gagen-Dilemma mit den Öffentlich-Rechtlichen“, 27. Mai 2025.

Schauspielerverband, ZDF und Produktionsallianz, Gemeinsame Vergütungsregeln Schauspiel, 31. Oktober 2025, Ziffer 1.2.

Wer die Gagen macht. Teil 1: Was daraus geworden ist

Wer die Gagen macht · Teil 1

Was daraus geworden ist

Wer in Deutschland eine Rolle mit Text spielt, wird nach Tarif als Schauspieler bezahlt. Es sei denn, die Rolle gilt als klein. Dann fällt sie in den Kleindarstellerbereich, und die Gage sinkt auf ein Niveau, das für Mitwirkende ohne Ausbildung gedacht ist. Der Tarifvertrag für Kleindarsteller sah 2013 zwischen 96 und 250 Euro pro Drehtag vor.

Die Grenze zieht der Tarifvertrag für Kleindarsteller. Kleindarstellung liegt dort vor, wenn kein längerer Wort- oder Reaktionswechsel vorgesehen ist. An diesem Kriterium entscheidet sich, ob ein Drehtag mit Text als Schauspielleistung oder als Komparserie abgerechnet wird.

In den Fußnoten dieses Tarifvertrags steht ein bemerkenswerter Hinweis. Eine der Kleindarstellerkategorien entspricht ausdrücklich dem Begriff der „kleinen Rolle“, wie er bei ZDF-Produktionen verwendet wurde. Die Kategorie stammt also aus der Praxis eines öffentlich-rechtlichen Senders. Sie wurde in den Tarifvertrag übernommen und gilt heute für die ganze Branche.

Die Einstufung als kleine Rolle dient heute in vielen Fällen dazu, Tagesgagen für Sprechrollen abzusenken. Rollen, die früher als Episodenrolle oder Tagesrolle regulär vergütet wurden, werden zu Kleindarstellerkonditionen angefragt. Angeboten werden sie ausgebildeten und langjährig tätigen Schauspielerinnen und Schauspielern.

Der Schauspielerverband hat solche Fälle 2024 juristisch prüfen lassen. Anlass waren Beschwerden von Schauspielern, denen für Rollen mit Text Komparserievergütungen angeboten wurden. Der konkrete Fall betraf eine Produktion für Sat.1. Eine verantwortliche Person beim Schauspielerverband sprach mit Blick auf die Branche von einem „Dammbruch“ und stellte klar, dass der Begriff Sondergage schlicht eine besonders niedrige Gage bezeichnet.

Warum kaum jemand darüber spricht

Öffentlich äußern sich betroffene Schauspieler fast nur anonym. Eine Recherche von Übermedien aus dem Jahr 2024 nennt den Grund schon im Titel: Wer aufmuckt, wird nicht mehr besetzt.

Die kleine Rolle ist damit das Werkzeug, mit dem Sprechrollen aus dem Schauspieltarif herausgelöst werden. Ihren Ursprung hat sie in der Praxis des ZDF. Wie der Sender seine Gagen darüber hinaus festlegt, zeigt Teil 2.

Quellen

Tarifvertrag für Kleindarsteller, ver.di und Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen, 2013, Ziffer 1.2 und Fußnote 4 zur „kleinen Rolle“ bei ZDF-Produktionen: produktionsallianz.de

Übermedien, „Wer aufmuckt, wird nicht mehr besetzt“, 19. März 2024: uebermedien.de

Gespart wird an uns. Teil 1: Die kleine Rolle

Gespart wird an uns · Teil 1

Die kleine Rolle

Ich stehe seit rund vierzig Jahren vor der Kamera und auf der Bühne. In dieser Zeit habe ich miterlebt, wie deutsche Fernsehsender und ihre Produktionsfirmen Rollen mit Text so lange kleinrechnen, bis sie weniger kosten als ein Schauspieler. Das schreibe ich unter meinem Namen, Markus Majowski, und dazu stehe ich.

Das Werkzeug dafür heißt „kleine Rolle“. Wer eine Rolle mit Text spielt, wird nach Tarif als Schauspieler bezahlt. Gilt die Rolle als klein, wird sie dem Bereich der Kleindarsteller zugeordnet. Für diesen Bereich sah der Tarifvertrag für Kleindarsteller von 2013 zwischen 96 und 250 Euro pro Drehtag vor. Diese Sätze waren für Mitwirkende ohne Schauspielausbildung gedacht.

Wo die Grenze verläuft, legt derselbe Tarifvertrag fest: Eine Rolle gilt als klein, wenn kein längerer Wort- oder Reaktionswechsel vorgesehen ist. Es genügt also, eine Szene so zu schreiben, dass der Dialog kurz bleibt. Schon wird aus einer Rolle für einen Schauspieler eine Rolle für einen Komparsen, und sie wird dementsprechend bezahlt.

Das Muster stammt vom ZDF

In den Fußnoten dieses Tarifvertrags steht, woher die Kategorie kommt. Eine der Kleindarstellerkategorien entspricht ausdrücklich dem Begriff der „kleinen Rolle“, wie ihn das ZDF bei seinen Produktionen verwendet hat. Ein beitragsfinanzierter Sender hat das Muster geliefert, nach dem heute in der ganzen Branche Sprechrollen aus dem Schauspieltarif herausgelöst werden.

Am Set hat das inzwischen einen neuen Namen. Bei Dreharbeiten mit Komparsen in Dresden wurde mir gesagt, man spreche heute von „Community Playern“ (ehemals bezeichnet als Kleindarsteller, Komparsen). Ein freundliches Wort für Menschen, die Szenen spielen und dafür einen Bruchteil einer Schauspielgage bekommen.

Ausgebildete Schauspieler zum Komparsentarif

Angeboten werden diese Konditionen längst ausgebildeten und erfahrenen Schauspielerinnen und Schauspielern. Der Schauspielerverband hat 2024 Fälle juristisch prüfen lassen, in denen Kolleginnen und Kollegen für Rollen mit Text Komparserievergütungen angeboten wurden. Der Anlass war eine Produktion für Sat.1. Eine verantwortliche Person beim Schauspielerverband sprach von einem „Dammbruch“ und stellte klar, dass eine sogenannte Sondergage schlicht eine besonders niedrige Gage ist.

Die meisten Betroffenen schweigen. Eine Recherche von Übermedien aus dem Jahr 2024 nennt den Grund im Titel: Wer aufmuckt, wird nicht mehr besetzt.

Die Mütter merken es zuerst

Unsere Mütter sagen es uns seit Jahren, Kolleginnen und Kollegen aus meinem Umfeld hören immer wieder dasselbe: Im Fernsehen wird kaum noch ein Wort deutlich ausgesprochen. Die nuscheln alle so, und vieles wirkt wie schlecht auswendig gelernt und „als ob“. Sind das überhaupt Schauspieler? Wir antworten dann: Nein, oft sind das keine Schauspieler.

Die Mutter einer Kollegin hat das einmal so beschrieben. Wenn beim Bäcker jemand hereinkommt und sagt, er möchte Brötchen backen, weil er zu Hause schon einmal Aufbackbrötchen gemacht hat, lässt ihn der Bäcker nicht in die Backstube. Das wäre unverantwortlich. Der Bäckermeister hat eine Verantwortung gegenüber seinen Kunden.

„Die öffentlich-rechtlichen Angebote haben der Kultur, Bildung, Information und Beratung zu dienen.“

Medienstaatsvertrag, § 26 Abs. 1

Bildung setzt allerdings voraus, dass man versteht, was gesagt wird. Wer sich vor dem Fernseher verschaukelt fühlt, schaltet ab. Und vor einem ausgeschalteten Fernseher hat sich noch niemand gebildet. Diese Verantwortung haben die Sender abgelehnt. Ich mucke auf. Wie die Sender ihre Gagen festlegen, steht in Teil 2.

Quellen

Medienstaatsvertrag, § 26 Abs. 1 Satz 8, in der Fassung des Reformstaatsvertrags, gültig seit 1. Dezember 2025: revosax.sachsen.de

Tarifvertrag für Kleindarsteller, ver.di und Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen, 2013, Ziffer 1.2 und Fußnote 4 zur „kleinen Rolle“ bei ZDF-Produktionen: produktionsallianz.de

Übermedien, „Wer aufmuckt, wird nicht mehr besetzt“, 19. März 2024: uebermedien.de

Begriff „Community Player“ (ehemals bezeichnet als Kleindarsteller, Komparsen): eigene Erfahrung des Autors bei Dreharbeiten in Dresden.